Partnerschaft und Ehe

“Niemals können Mann und Frau eins sein in dieser Zeit und Welt.
Solange zwei Menschen das glauben, leben sie in ihrer Jugend.
Wenn sie aber wissen, immer tiefer und qualvoller wissen, dass
es unmöglich ist – und dennoch den Entschluss fassen, den großen,
den entscheidenden Entschluss, nicht allein zu bleiben…
Wenn zwei Menschen in voller Erkenntnis der Ungeheuerlichkeit
ihres Unterfangens den Entschluss fassen, eins zu werden,
dann beginnt die Ehe.
Die Ehe ist das ungeheuerliche DENNOCH,
der Wille zum Unendlichen und Unmöglichen zwischen
zwei Menschen. Alles andere ist Tand und Spiel.”
(Manfred Hausmann; Abschied von der Jugend)

Menschen sind sich entwickelnde Wesen.
Dass sich jede Person, jeder Mensch entwickeln und entfalten will, ist durch die Evolution festgelegt.

Entwicklung bedeutet: Sich als autonom, als Individuum erleben und Selbstverantwortung übernehmen. Die Kompetenz hierfür ist jedem Menschen uneingeschränkt gegeben. Sie ist kann durch leidvolle Erfahrungen verschüttet und daher aktuell nicht verfügbar sein, ist von ihrem Wesen her aber unzerstörbar.

Die Steuerung von Selbstentwicklung und –entfaltung erfolgt in erheblichem Ausmaß über Bedürfnisse und Gefühle.
Rationales Denken ist dem nachgeordnet.

Um Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen, bedarf es positiver Bindungserfahrungen.
Positive Bindungserfahrungen sind an Liebe gekoppelt. Liebe ermöglicht es, gegenseitig das jeweils Beste zu fördern (Ko-Evolution).

Die Interaktionen in einer Partnerschaft und/oder Ehe sind dadurch bestimmt, wie jeder der Partner Bindung erfahren und darauf aufbauend soziale Verhaltensweisen (Bindungsmuster) ausgebildet hat .
Jede Person nimmt „die Welt“ entsprechend ihren Bindungsmustern anders wahr, ist sozusagen unentrinnbar dazu „verurteilt“, die Welt auf die eigene, individuelle Weise wahrzunehmen. Die Wahrnehmung vollzieht sich durch Bedeutungsgebung (Interpunktion und Selektion).

Wenn die unterschiedlichen Wahrnehmungen und die damit einher gehenden sozialen Verhaltensweisen der Partner nicht zueinander passen – und das ist natürlicherweise fast immer der Fall, dann erzeugt dies Konflikte und für das Paar die Herausforderung, die Umgangsweisen aufeinander abzustimmen, damit für jeden das Beste entsteht.
Deshalb sind Konflikte der Ko-Evolution dienlich, ja geradezu unabdingbar.
Salopp gesprochen: Ohne Konflikte keine Notwendigkeit zur Evolution, zur Entwicklung und zum Wachstum.

Der Königsweg, einen Konflikt konstruktiv zu bewältigen, ist die (verbale) Kommunikation. Dabei geht jeder Partner auf den andern ein, fühlt sich in die Verhaltensmuster des Anderen ein und akzeptiert diese mitsamt ihrem Sinn. Andernfalls wird die Autonomie jedes einzelnen beschädigt.
„Einfühlen“ ist nicht identisch mit „billigen“ bzw. „gutheißen“, sondern meint die Fähigkeit, die Welt, außer aus der eigenen auch aus der Perspektive des Anderen wahrnehmen zu können.

Die Lösung eines Konflikts durch einen Kompromiss ist niemals sinnvoll, denn ein Kompromiss verwischt die Unterschiedlichkeit der Personen. Statt dessen ist das Ziel der Konfliktbewältigung der sog. “dritte Weg”, auf dem eine neue, gemeinsame Vorgehensweise entwickelt wird, bei der jeder Partner mit seiner Eigenheit (Anliegen, Gefühle, Denkweisen, Bedürfnisse) gleichberechtigt vorkommt.

Wenn die Maxime in einer Partnerschaft Selbstentwicklung und Selbstverantwortung eines jeden Partners ist, dann wird der Andere weder dazu benötigt, die eigenen Ziele zu verwirklichen noch muss er sich dahingehend verändern. Kein Partner besitzt eine Funktion für den anderen, keiner wird instrumentalisiert. Es besteht Unabhängigkeit voneinander.
Dies gilt vor allem für Bestätigungen im Sinne von gut bzw. richtig und/oder sinnvoll Finden unter Gesichtspunkten von Moral oder (Be-) Wertungen.

Die Bewertung eines Partners, seines Verhaltens oder Handelns ist immer problematisch, denn sie missachtet und übergeht die individuellen Gefühle und Bedürfnisse des Anderen. Entsprechend gehören wechselseitige Kritik und Lob nicht in eine Partnerschaft.

Eine Bewertung abgeben im Sinn eines sich selbst Bestätigens kann jede Person nur selbst: Nur sie selbst weiß, wer sie ist, was sie will und was sie gut findet. Sinnvolle “Bewertungen” entstehen nur aus einem gesamtorganischen Gefühl, einem Signal und unmittelbarem Wissen, ob etwas der momentanen Situation und deren positiver Entwicklung zuträglich ist.

Partnerschaftsproblemen können könne verschiedene Arten von Nicht-Passung zugrunde liegen:
Gegensätzliche Bindungsbedürfnisse
Ungeeignete Kommunikationsstrukturen
Mangel an Differenzierungsfähigkeit
Macht- und Ohnmachtsgefühle und deren Instrumentalisierung

Besonders konfliktträchtig sind Themen, die stark mit der Bedürfnisregulierung verbunden sind: Sexualität, Eigentum / Geld, Erziehung, Partnerschaftskultur. Hier hat der Macht- und der Machtmissbrauchs-Faktor besondere Bedeutung.

Der weit verbreitete und häufig geforderte Versuch, private Partnerschaftskonflikte aus beruflichen Kontexten auszublenden, ist meistens untauglich und führt nur zu neuen Konflikten.
Daher ist es sinnvoll und nutzbringend, Partnerschaftskonflikte auch innerhalb einer Supervision und/oder einem Coaching zu thematisieren, und zwar in dem Umfang, in dem der berufliche Kontext davon beeinflusst wird.