Lernen

Wie schon in den Beiträgen zu „Resilienz“ und zu „Supervision“ auf dieser website gesagt, sind Haltungen und Einstellungen, die das Leben im allgemeinen und die berufliche Tätigkeit im besonderen erschweren, erlernt und können mithin auch wieder „verlernt“ werden.

Nun ist das mit dem (Ver-)Lernen so eine Sache.
Was sich einmal einfahren hat, wird selten auf Brauchbarkeit überprüft, selbst wenn das (Berufs-) Leben dadurch komplizierter wird. Zum einen kommt man selten auf die Idee, das eigene Verhalten und Handeln zu hinterfragen, ob es für das, womit man beschäftigt ist, überhaupt noch taugt. Zum anderen ist es in aller Regel und aus vielerlei Gründen höchst schwierig, mit Routinen zu brechen.

Um hier einen Anfang zu finden, muss man sich etwas genauer mit dem Lernen an und für sich befassen.

Lernen, so wie man es üblicherweise kennt und definiert, stellt die Aneignung, Sammlung und das Sortieren von Informationen und Techniken dar.
Auf diese Weise schafft man sich allmählich ein Repertoire von Lösungsmöglichkeiten und erhält im Verlauf der Zeit eine Art Vorratsbehälter, in den von Fall zu Fall gegriffen werden kann.

Dieses sog. kognitive Lernen findet ganz überwiegend im Kopf statt. Schulisches Lernen ist hierfür ein klassisches Beispiel.
Bei kognitivem Lernen ist der Lernprozess selbst zeitlich vor der körperlichen Erfahrung, z.B. der Mühe des Aufwands oder eine nachträglichen Belohnung (oder Bestrafung) angesiedelt.

Angesichts immer neuer Aufgaben, Fragestellungen und Verknüpfungen ist der Bedarf an Lösungen allerdings unendlich. Der Lernspeicher mit seinem Repertoire kann deshalb nie ausreichend und endgültig sein, denn auf neue Umstände passen alte Lösungen in aller Regel nur bedingt. So umfangreich der Pool an Lösungsvorräten auch sein mag, hinsichtlich der Passgenauigkeit bleibt stets ein Restrisiko erhalten.

Neben dem kognitiven Lernen existiert allerdings eine weitere Lernform, das Erfahrungslernen.
Ein klassisches Beispiel für ein entwicklungsmäßig ganz frühes „Lernen aus Erfahrung“ ist die des Kindes, das lernt, dass es weh tut, wenn man einen heißen Gegenstand anfasst.
Mit Beginn der Geburt machen wir alle täglich Unmengen an Erfahrungen, gute wie weniger gute, die unser zukünftiges Verhalten und Handeln beeinflussen und prägen.

Obwohl (oder vielleicht auch gerade, weil) Erfahrungslernen den Menschen ungleich nachhaltiger prägt als das kognitive Lernen,
gehört es zu seiner Natur, dass wir uns zwar gemäß unserer Erfahrungen verhalten, darüber hinaus aber vergessen, dass es sich hier immer auch um eine Form des Lernens handelt.
Dies ist insofern fatal, als alles Wissen, was ins Vergessen oder ins Unbewusste gerät, nicht mehr abgerufen, folglich auch nicht mehr korrigiert wird.

Erfahrungslernen findet zeitlich vor kognitivem Lernen statt.
Hierzu ein Aphorismus des irischen Dramatikers George Bernhard Shaw, der seine „heilige Johanna“ diese zeitliche Abfolge präzis auf den Punkt bringen lässt: „Zuerst tue ich etwas, und dann weiß ich, was ich getan habe“ – was nichts anderes besagt, als dass es vor allem rationalem und bewussten Handeln und Verhalten die Einstellung und die Haltung ist, die das Handeln und Verhalten beeinflusst.

Erfahrungslernen geht von verschiedenen Vorannahmen aus, von denen ich die mir essentiell scheinenden hier kurz wiedergebe:

  • Man kann sich nicht „nicht verhalten“ (Das hat schon 1980 der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick pointiert formuliert)
  • Verhalten hat immer eine Wirkung – die allerdings nicht immer bzw. nicht immer sofort erkennbar ist.
  • Ohne ihr (möglicherweise implizites oder auch unbewusstes) Einverständnis sind Menschen nicht manipulierbar.
  • Menschliches Verhalten und Handeln hat niemals nur eine einzige Ursache, einen einzigen Grund, sondern immer viele Ursachen und Gründe, die aber nicht immer alle gleichermaßen bewusst sind. Anders gesagt: Erfahrungslernen ist immer kontextbezogen.
  • Weil menschliches Verhalten immer mehrere Ursachen und Gründe hat, können Lösungen nur aus dem Interaktionsprozess heraus gefunden werden.
  • vermeintliche Defizite sind gleichermassen versteckte Hinweise auf Ressourcen.
  • Lernen findet stets von der Wahrnehmung, der Erfahrung, dem Erleben aus hin zur kognitiven Verarbeitung statt, führt von etwas Bekanntem hin zu etwas Neuem (auf diese Erkenntnis kommt nun auch die moderne Lern- und Hirnforschung, z.B. Aebli, Hüther, Spitzer u.a.).

Aus diesen Prämissen leitet sich ab, dass Erfahrungslernen immer auch kontextbezogen und niemals in quasi luftleerem Raum ohne Zusammenhang stattfindet.
Gegenüber dem kognitiven Lernprozess, der sich von einem Ausgangspunkt (Unwissen) mehr oder weniger geradlinig zu einem Endpunkt (Wissen) hin entwickelt, „erfindet“ sich Erfahrungslernen immer wieder neu. Der Prozess des Erfahrungslernens, da immer wieder mit neuen Erfahrungen verknüpft, findet in Schleifen, Mäandern, Arabesken, vorwärts, rückwärts statt und ist insgesamt spiralförmig.

Es ist offensichtlich, dass für Erfahrungslernen Geduld nötig ist. Es schließt kurzfristige, schnelle Lösungen wie z.B. Notfallhilfen und Kriseninterventionen zwar nicht aus, führt insgesamt aber über sie hinaus.

Im Fahrwasser von schnellen Entscheidungen und kurzfristigen Lösungen wird eine kontextuelle Denkweise, wie sie sich aus dem Erfahrungslernen ableitet, per Erziehung und Sozialisation im allgemeinen eher ab- denn antrainiert. Der “Schalter”, der lineares zu kontextuellem Denken umlegt, funktioniert nicht auf Zuruf, sondern unter Zuhilfenahme von Verhaltensvarianten wie z.B. „Versuch & Irrtum” oder auch „Experiment“.
Dafür braucht es Zeit, die auch – vermeintliche – Rückschritte, Irrtümer und Fehltritte erlaubt, aus deren Erfahrung sich wiederum neue Erkenntnisse ableiten lassen.

Für Ungeübte mag diese, Erfahrung betonende Lernform zunächst ungewohnt und verunsichernd sein. Der Gewinn besteht dafür in sehr viel grundsätzlicheren, daher nachhaltigeren Lösungen und Ergebnissen, die mittels reiner Kognition so nicht möglich sind.
Der Grund dafür besteht darin, dass nicht das Wissen zum Instrument gemacht wird, sondern die eigene Wahrnehmung und das individuelle Verhalten.

Auf diese Weise trägt man sein Instrumentarium stets bei sich und mit sich herum.