Supervision und/oder Coaching

oder: Dem Elefanten ist es egal, von welcher Seite er betrachtet wird

Fünf blinde Gelehrte stehen um einen Elefanten herum und betasten ihn, um seine Eigenart, sein Wesen, seine Natur erfassen zu können.
Hinterher sagt der erste, der den Rüssel des Elefanten betastet hat:
“Ein Elefant ist wie ein langer Arm.”
Der zweite hat ein Ohr des Elefanten abgetastet und beschreibt:
“Der Elefant ist wie ein großer Fächer.”
Der dritte stand am Bein des Elefanten und meint:
“Der Elefant ist wie eine dicke Säule.”
Der vierte hatte den Schwanz zu fassen bekommen:
“Nein, der Elefant ist wie ein Pinsel”
Der fünfte hatte den Rumpf des Elefanten getastet:
“Also, der Elefant ist eine riesige Masse, mit Rundungen und Borsten!”??
So vermochten sie sich nicht zu einigen, was denn ein Elefant wirklich ist…
—(Parabel aus – vermutlich – Südasien)

Objektive Wahrheiten, so angenehm und einfach es auch wäre, werden hier nicht verkündet: So viele Supervisions- und Coaching-Theorien, so viele Meinungen und Schulen-Streitigkeiten.
Noch viel bunter und unorthodoxer geht es in der konkreten Ausübung, also in der Praxis von Coaching und Supervision zu.

Ich stelle deshalb hier meine Auffassung von den Unterschieden in Coaching und Supervision zur Diskussion:

Vorab eine Begriffsklärung:
‘Supervisor’ und ‘Coach’ sind die Fachbegriffe für den ‘Berater’, ‘Supervisand’ und ‘Coachee’ für den Ratsuchenden.

Der alles entscheidende Unterschied zwischen Supervision und Coaching liegt in der unterschiedlichen Zuweisung von VERANTWORTUNG:

Supervision:
In der Supervision liegt die Verantwortung, tätig zu werden, Themen einzubringen, Aufgaben zu erledigen, also offensiv zu sein, ausschließlich beim Supervisanden.
Dagegen ist es die Rolle des Supervisors, und in seiner Verantwortung liegt es, Anstösse und Anregungen zu geben – nicht aber, sie durch- oder umzusetzen!
Insofern ist die Rolle des Supervisors in der Supervision tendenziell defensiv, reaktiv angelegt: Ob Supervisanden den Anregungen und Ideen des Supervisors folgen und/oder Schlüsse aus den Reflexionen ziehen, liegt allein in deren Verantwortung.

Coaching:
Die Rolle des Coachs im Coaching ist offensiver und direktiver als die eines Supervisors. Der Coach weist seine Coachees darauf hin, was sie seiner Meinung nach tun ‘müssen’, er motiviert sie auch, es zu tun, er kontrolliert, ob sie seinen Anregungen folgen.
Dazu hält er die organisatorisch notwendigen Fäden in der Hand.
Obgleich der Coach kein Trainer im engen Wortsinn ist, verhält er sich tendenziell doch wie einer.

Hintergrund:
Dieses vorgenannte Verständnis entspringt den historisch gewachsenen Rollen.
Der Coach kommt ursprünglich aus dem Sportbereich, wo er heute auch immer noch anzutreffen ist und hat sich in neuerer Entwicklung die Arbeitsfelder des sog. ‘Profit-Bereiches’ erschlossen.
Die Rolle des Supervisors dagegen hat einen Wandel vollzogen. Aus einer ursprünglich mit Kontrollfunktionen versehenen Aufgabe in der – amerikanischen – Industrie der 1930er Jahre wurde nach dem zweiten Weltkrieg allmählich die eines durchaus noch aktiv handelnden Praxisanleiters in zunächst ausschließlich sozialen Arbeitsfeldern.
Durch den Einfluss der Human-Potential-Bewegung entwickelte sie sich allmählich zu einer reflexiv angelegten Begleitung für Fragestellungen in beruflichen Kontexten. Mittlerweile sind Supervisoren (und selbstverständlich auch Supervisorinnen) auch immer mehr im Profit-Bereich anzutreffen.

Praktische Konsequenz
Ich selbst verstehe meine Rolle pragmatisch-utilitaristisch und unorthodox. Je nach Erfordernis beim Ratsuchenden begleite ich eher zurückhaltend-reflexiv oder offensiv-lenkend. Richtschnur meines Verhaltens ist dabei neben dem Auftrag immer auch die Interaktion zwischen Supervisand bzw. Coachee und mir, die web-basiert natürlich immer eine Schriftsprache ist, bei der Eindrücke, Gedanken, Ideen etc. pp. von beiden Seiten eingebracht werden.